Pontifikalamt mit Erzbischof Stephan Burger am “Kölner Wallfahrtstag”

Ganz sicherlich einen der Höhepunkte der diesjährigen Hauptwallfahrtszeit stellte am Dienstag – am Wallfahrtstag für Köln – das Kommen von Erzbischof Stephan Burger aus Freiburg dar. In den Mittelpunkt seiner Predigt stellte der Bischof das Leitwort der diesjährigen Wallfahrt „Damit – WIR – das Leben haben” (Johannes 10,10), wobei er dieses Thema recht zeitkritisch beleuchtete.

 

 Quelle: Bernd Stieglmeier

 Quelle: Bernd Stieglmeier

Quelle: Bernd Stieglmeier

Nachdem Erzbischof Burger in die voll besetzte Wallfahrtsbasilika geleitet worden war, konnte Stadtpfarrer und Wallfahrtsleiter P. Josef Bregula, OFM Conv. dort zu Beginn in seiner Begrüßungsansprache neben den Wallfahrern den Hauptzelebranten, alle Konzelebranten, die Mitglieder des Pfarrgemeinderates mit dem Vorsitzenden Wolfgang Eisenhauer, den Pilgerführer der Kölner Fußprozession, Stefan Beßlich, sowie die am Sonntagmorgen in Walldürn weilenden großen Pilgergruppen aus Hundheim-Steinbach, der Seelsorgeeinheit Schwetzingen, aus Graben-Neudorf, aus Mauer und aus Meckesheim sowie die Musikkapelle aus Hundheim, die das Pontifikalamt kirchenmusikalisch gestaltete und umrahmte, begrüßen.

Alle Anwesenden forderte er dazu auf, gemeinsam dieses Pontifikalamt mitzugestalten und mitzufeiern. In diesem Sinne wolle man in dieser Eucharistiefeier den christlichen Glauben bezeugen und zusammen Mahl halten, damit man als gestärkter Christ in den weiteren Alltag hinausziehen könne.

Nach den Lesungen und der Verkündigung des Heiligen Evangeliums nach Johannes machte der Erzbischof zu Beginn seiner Predigt deutlich, dass in einer hochtechnisierten Gesellschaft wie der unsrigen nur noch wenige in und von der Landwirtschaft leben und arbeiten würden.

Damit sei auch das Bild vom Hirten und seiner Herde nicht mehr so unmittelbar verständlich, wie es einst gewesen sei. Ja, oft sei es gar negativ Angehaucht, wenn man vom sprichwörtlich gewordenen „dummen Schaf“ rede, oder aber sagten, dass allzu viele nur das eigene „Schäfchen ins Trockene bringen“ wollten.

Der frühere Bischof von Limburg, Franz Kamphaus, habe mit Blick auf die heutige Mentalität einmal den spitzfindigen Satz geprägt: Es gibt nur noch zwei Arten von Hirten – die einen interessieren sich für die Wolle, die anderen interessieren sich für das Fleisch. Für die Schafe interessiert sich niemand!“

Doch das Bild vom Hirten sei eines der ältesten der Menschheit. Auch der Prophet Ezechiel, der im 6. Jahrhundert vor Christus gelebt habe, spreche vom Wirken und Handeln Gottes gleich dem des guten Hirten. Eine jeder heute solle sich einmal bewusst machen, was das heiße, was es vor vielen Jahrhunderten bedeutet habe, für seine Herde Verantwortung zu tragen und gute Weideplätze zu finden. Das sei in Ländern, in denen es im Sommer mitunter Wochen nicht regne, alles andere als einfach.

 Quelle: Bernd Stieglmeier

 Quelle: Bernd Stieglmeier

Quelle: Bernd Stieglmeier

Vor diesem Hintergrund könne und müsse ein jeder ganz einfach die Kraft und Dynamik spüren, die dem Bild vom guten Hirten eingeschrieben sei. Der Hirte sorge für seine Schafe, er trage Sorge für sie und sei besorgt um sie. Ja, er wolle, dass es ihnen stets gut gehe. Er sei mit seinen Schafen unterwegs und teile bei Wind und Wetter das Schicksal seiner Herde. Der Hirte brauche die Herde und die Herde den Hirten.

Was ein guter Hirte sei, das zeige sich für uns gläubige Christen an Jesus Christus: Er setze alles daran, dass es uns gut gehe, das wir das Leben hätten und es in Fülle hätten. Davon zeuge sein ganzes Leben und Wirken. Er sei auf der Suche nach den Schwachen und Gestrauchelten, er habe sich um die von der Gesellschaft Ausgestoßenen und um die Ausgegrenzten gesorgt, er habe sich der Wehr- und Schutzlosen angenommen. Sein Leben sei ein Leben für uns. Für uns Menschen sei Jesus Christus vom Himmel gekommen und habe Fleisch angenommen. Für uns habe er gelebt, für uns habe er sich eingesetzt, um Sünde und Tod zu besiegen – sich eingesetzt bis aufs Blut! Seinen Leib und sein Blut habe er hingegeben, für uns sei er am Kreuz gestorben.

Die Verbindung des Kreuzopfers mit der Gabe der Eucharistie sei Kernpunkt des Glaubens und der Liturgie. Daran erinnere in besonderer Weise auch diese Wallfahrt nach Walldürn zum „Kostbaren Heiligen Blut“. Ein in Unachtsamkeit umgestoßener Kelch, das Blut Christi, sei der Ursprung dieser Wallfahrt. Und dieses Blut Christi zeuge von der Zusage Gottes: „Ich bin für dich da! Ich stärke dich!“

Das Korporale mit den Bildnissen des Gekreuzigten lade uns ein, uns auf die Mitte unseres Glaubens und das Herzstück unseres Lebens zu besinnen.

Wer den „guten Hirten“ kenne und auf ihn höre, der trete in dessen Fußstapfen, der mache selbst den Mitmenschen die Liebe Gottes erfahrbar. Dann laute dessen erste Frage nicht: Was bringt´s mir? Was habe ich davon? Was springt für mich heraus? Wie kann ich meine Schäfchen am besten in´s Trockene bringen? Diese Fragen würden nur jene umtreiben, die sich nur um Wolle und Fleisch kümmern, die sich nur selbst versorgen würden. Denke man dabei an so manche korrupten Staatenlenker, denen es egal sei, ob das eigene Volk Schaden nehme oder gar zugrunde gehe, oder denke man dabei an so manche Organisationen, in denen Personen sich nur für den eigenen Profit, aber nicht für die Menschen und nicht für Ideale und Werte einsetzen würden. Wer nach dem eigenen Profit frage, der werde blind für die Mitmenschen, der werde selbst zum Gift für ein gedeihliches und vertrauensvolles Zusammenleben.

 Quelle: Bernd Stieglmeier

 Quelle: Bernd Stieglmeier

Quelle: Bernd Stieglmeier

Wer sich allerdings an Jesus Christus, dem guten Hirten, orientiere, der frage, wo er helfen und wen er unterstützen könne. Wenn Wallfahrer und Pilger zur Eucharistie zusammenkommen und hierher nach Walldürn wallfahren würden, wolle Gott, dass diese dann auch gestärkt und verwandelt wieder in der Alltag zurückkehren würden.

Keiner brauche sich mit seinem Glauben und der Botschaft des Evangeliums verstecken. Jesus Christus schenke uns Hoffnung und Zuversicht. Dies sollten wir uns immer wieder neu bewusst machen, uns hineinnehmen lassen in die Gegenwart Gottes und auf seine Stimme – auf die Stimme des guten Hirten – hören.

Jesus Christus sei uns Menschen wie ein Hirte stets liebevoll zugewandt. Er sei nicht aufdringlich, nicht laut, und er brauche keine große Inszenierung. Die Begegnung mit ihm sei eine behutsame und leise Begegnung. Doch wie sollten wir dieses „leise Pfeifen des Hirten“ bei all dem, was um uns herum los sei, hören – hin- und hergerissen von den vielen Meinungen und Stimmungsbildern, von Umfragen und Standpunkten, von Lärm und den verschiedensten akustischen Wahrnehmungen? Wichtig sei es immer wieder, genau darauf zu achten, auf wessen Stimme man im Alltag hören und welchen vermeintlichen Hirten aus Politik, Showgeschäft, Werbung, Freizeit oder verschienenen Sinnesangeboten wir folgen sollten. Oder gelinge es uns letztendlich doch, auf ihn zu hören, den guten Hirten, und nicht irgendwelchen Knechten nachzulaufen.

Um ihn zu hören, diesen Gott der leisen Töne, bräuchten wir Orte der Ruhe und der Besinnung, bräuchten wir in uns selbst, in unserem Herzen, und Offenheit für seine Stimme. Dazu wollten uns auch solche Orte wie Walldürn verhelfen. Die unzähligen Gläubigen, die bisher nach Walldürn gekommen seien und bis heute nach Walldürn kämen, würden an diesem Gnadenort „Zum kostbaren heiligen Blut“ in der Feier der Gottesdienste sowie im Empfang der Sakramente ihre tiefe Verbundenheit zu Christus erfahren, und zugleich weiter auch, dass sie mit vielen im Glauben verbunden seien, verbunden ferner aber auch in der Bewältigung des Alltags, in der Bewältigung von Beruf und Familie, und verbunden in der Bewältigung von Sorgen, Krankheit und Not.

Der gute Hirte eröffne uns hier den Weg, im Nächsten Christus selbst zu begegnen. Diese Verbundenheit gelte es auch dann, wenn wir wieder zu Hause seien, zu leben. Gott wolle, das wir das, was er uns schenke, ja an Liebe schenke, an andere weiterschenken würden – in den Familien und am Arbeitsplatz, in den Vereinen und in den Gemeinden und Pfarreien. Unsere Mitmenschen sollten an uns selbst erkennen, dass wir uns vom guten Hirten Jesus Christus geleitet und begleitet wüssten. Mit unserem Wort und unserer Hände Arbeit könnten wir in alltäglicher und schlichter Weise die Botschaft Christi und seine Liebe zu den Menschen hinaustragen und leben. So werde diese Wallfahrt zum Heiligen Blut für uns und für die Menschen, denen wir begegnen würden, und für kommende Generationen zum Segen.

(c) Bernd Stieglmeier